Criterium Trofee Ronde van Vlaanderen 2017

Sonntag Morgen, 4.50h. Ich liege im Bett einer kleinen Ferienhütte im belgischen Mol. Bald muss ich aufstehen, weil unser Mitfahrer Markus vom Vespa Club Mainz vor dem Start der Rally noch tanken will.

 Heute wird sich zeigen, ob den Motor, den ich vor einem Jahr gebaut habe, den Belastungen einer ganz besonderen Vesparally standhalten wird: dem Criterium Ronde van Flanderen, einer 450 Kilometer langen Rally von Mol, über Brüssel, Oostende und Brügge nach Mechelen. Die Rally ist eine Neuauflage einer Veranstaltung des Jahres 1957, als eben eine solche Langstreckenveranstaltung stattgefunden hat – damals wurde allerdings nachts gefahren – und deshalb sind auch nur Vesparoller bis zum Baujahr 1957 zugelassen.

Obwohl wir gestern bis tief in die Nacht noch mit den Rollern und dem Roadbook beschäftigt waren, liege ich seit einer halben Stunde wach und bin ziemlich aufgeregt.

Unsere Vesparoller stehen vor einer Hütte auf einem Campingplatz in der Nähe des Startpunktes: Andreas hat eine schicke Motovespa, Markus eine Hoffmann und Stefan eine 56er ACMA . Ganz links steht meine 1955er ACMA. Eigentlich hätte die Vespa mein Fahrzeug für die Bremer Vespa Rally werden sollen, da mir aber zwei Tage vor dem Start der Kupplungskeil ins Getriebe meines frisch überholten Motors gefallen war, hatte ich die Vespa bis Anfang des Jahres in die Tiefgarage verbannt.

„Du bist ganz schön mutig“, dröhnten mir Andreas Worte in den Ohren „dass Du den Roller erst auf den letzten Drücker fertigmachst. Ich habe schon 1200 km gefahren“. Gut, ich war immerhin schon ca. 70 km mit der Vespa gefahren… inklusive einer neunzigminütigen Schrauborgie auf freiem Feld, als ich unter anderem auf sechs Kilometer drei von vier Lüfterradschrauben verloren hatte. Jetzt habe ich die chemische Schraubensicherung immer im Bordwerkzeug und werde sie sicherlich bei der Montage nie wieder vergessen.

Nun, dass lässt sich jetzt nicht mehr ändern.Die Vespa ist so bereit wie es ging und das Werkzeugfach prall gefüllt. Wenigstens zum Atomium in Brüssel will ich kommen. Danach kann ich mit dem Besenwagen weiter fahren.

Das Herz meiner ACMA ist der erste Wideframemotor, den ich überholt habe. Und der erste Vespamotor, bei dem ich vom Originalzustand abgewichen bin. Konkret heißt das: 160er Pinasco Aluzylinder, Pinasco Kurbelwelle, Vergaser CP 23 und angepasste Übersetzung mit PX 80 Kupplung. Weiterhin eine kontaktlose elektronische Zündanlage mit Polrad (Pinasco Flytech) und ein umgeschweißter Sip Road Auspuff für die Vespa PX. Der originale Motor war besonders im Stadverkehr ein böses Verkehrshindernis. Eine verstärkte Feder und ein Stoßdämpfer sollen an der Vorderachse helfen, das belgische Straßenpflaster zu überleben. Für ordentliche Bremsleistung vorne sorgt eine ganz neu auf den Markt gekommene Bremstrommel,ebenfalls von Pinasco.

So. Aufstehen. Anziehen und los! Der Wetterbericht verspricht Sonnenschein.

Die erste Etappe führt von Mol nach Grimbergen. Da ich Rally Neuling bin, hefte ich  mich gleich an die Fersen einiger erfahrener Piloten des Vespa Veteranenclubs, die kurz vor und nach mir starten. Ich habe die Startnummer 7. Die Roller laufen gut. So gut, dass wir die ersten Streckenschilder übersehen und uns böse verfahren. Das bedeutet Gas geben, um den vorgegebenen Schnitt von 38 km/h aufzuholen und meine guten Vorsätze den Motor schonend zu behandeln sind nur noch Schall und Rauch.

Bis zur Stempelkontrolle vor dem wunderschönen Schloss in Grimbergen zeigt sich, dass gute Vorbereitung hilfreich gewesen wäre. Ich muss alle paar Kilometer den Riemen meines Ersatzrades nachziehen und verliere meine Regenhose und meinen Ersatzschlauch, die ich ebenfalls festgeschnallt hatte. Meine Vespa verliert an jedem Stopp ordentlich Benzin, der Schwimmer klemmt. Mein Kniebrett nervt, die Schriftart des Roadbooks ist zu klein gewählt. Aber wir sind immerhin noch in der Zeit.

Die zweite Etappe ist besonders anstrengend und 148 Kilometer lang. Hier hatten Bart Bergans und der Vespa Club Antwerpen eine besonders hügelige Strecke mit anspruchsvollen Kopfsteinpflasterstraßen ausgewählt. Das berühmte belgische Kopfsteinpflaster…“Kinderkopjes“. Doch zuerst müssen wir durch den Brüsseler Verkehr zum Atomium – Stempel abholen und ein Foto machen.

An einer Tankstelle entsorge ich mein Kniebrett. Meine Notizen mit den Kontrollzeiten sind eh schon weggeflattert. Doch die Vespa läuft, ohne Probleme zu machen. Auf der Geraden läuft der Motor schön ruhig, ohne störende Vibrationen. Bei Vollgas steht die Tachonadel am rechten Rand an. Durch das hohe Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen kann ich teilweise wie mit einem Automatikroller fahren und  schon früh in den dritten Gang schalten. Leider führt auch genau das zu der einzigen kritischen Stelle der Rally: am Koppenberg, einer zwanzigprozentigen Steigung mit grobem Kopfsteinpflaster, reicht der zweite Gang am Ende der Steigung dann doch nicht. Ich stehe.  Mist. Zum Glück bleibt die Vespa an und ich schaffe es, trotz der Steigung anzufahren und überwinde das letzte steile Stück.

Kurz vor Roselaere muss Markus tanken und ich bleibe bei ihm. Wer will schon alleine gelassen werden?  In Roselaere komme ich auf den letzten Drücker an, werde aber mit Pasquale vom VC Lörrach (Nummer 11) in die falsche Richtung vor der Zeitmessung geschickt. Wir drehen um und rasen mit Vollgas zur Messstation – bei mehr als 30 Minuten Verspätung fällt man aus der Wertung –für Pasquale reicht es knapp, ich bin zu spät. Egal. Nun heißt es „Ankommen ist alles!“, damit ich mir die Kopie der Plakette des Jahres 1957 und eine Urkunde verdiene. In Grimbergen gibt es ein tolles Mittagessen mit Barbecue. Die Helfer, ohne die eine solche Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre, sind total nett. In der Hoffnung, dass es der Besenwagen mitnimmt, lasse ich mein Ersatzrad hier. Nun schnell etwas essen und trinken –  mir bleiben 25 Minuten, wenn ich wenigstens zur Abfahrt pünktlich durch die Zeitmessung will.

Auf die nächste Etappe hatte ich mich besonders gefreut: Von Roeselare geht es über Oostende nach Brügge. An einer Straßenkreuzung muss ich scharf bremsen – meine Hinterradbremse blockiert. Als ich den Hebel mit der Hand zurückgedrückt habe, ist meine Gruppe weg, bis auf Dirk Stecher der auf mich wartet. Ab jetzt ist besonders vorausschauende Fahrweise Pflicht, die hintere Bremse ist nur noch für den absoluten Notfall einzusetzen. Kurz darauf verliere ich Dirk. Zum Glück treffe ich Chris Debusscher, einen netten Belgier mit dem ich fast den ganzen Rest der Rally gemeinsam fahre. Das ist vor allem deshalb praktisch, weil wir gemeinsam tanken können. Er zahlt mit Karte und ich gebe ihm das Geld in Bar.

Gegen 16 Uhr erreichen wir die Standpromenade Oostende. Ich sehe das Meer! Die beiden schwersten Etappen liegen jetzt hinter mir und ich genieße den Blick. Egal was jetzt noch kommt, alle Anstrengungen haben sich gelohnt. In Oostende fallen mir wieder die netten Helfer auf, die mit roten Fahnen den Weg an kritischen Stellen weisen. Chris scheint alle zu kennen und alle freuen sich sehr ihn zu sehen. Wir würden gerne halten, drücken aber auf das Tempo. Die beiden letzen Etappen, unter anderem durch die Innenstadt des schönen Brügge, verlaufen ohne größere Probleme und wir kommen zügig voran. Ich fahre auf Halbgas, Chris auf Vollgas. Seine 52er Acma hat eine Spitzengeschwindigkeit von 70 – 75 km/h. Auf der letzten Etappe hänge ich mich also nach der letzten Stempelstelle an Andreas Nagy, Thomas Seebacher (Vespa Club Merano), Gabriele Zanetti und Domenico Randazzo (Vespaclub Treviso) und Ugo Luparia, die ein sportliches Tempo fahren, weil ich unbedingt vor Sonnenuntergang ankommen will. Mit Andreas Pinasco-Langhubmotor kann ich dann doch nicht mithalten. Ich bleibe bei den Italienern. Schließlich erreichen wir als Vierergruppe den Marktplatz von Mechelen total erschöpft und glücklich gegen 21 Uhr. Unglaublich: die Vespa hat insgesamt 520 Kilometer gehalten und ich habe mein Ziel erreicht. In der Wertung lande ich abgeschlagen auf Platz 52, erhalte aber durch meine Ankunft ein Diplom und eine Kopie der Medaille, die schon 1957 den Teilnehmern ausgehändigt wurde.

Vielen Dank an Bart Bergans und den VC Antwerpen für die Ausrichtung dieser tollen Veranstaltung!